Nach den aktuellen Vorgaben soll der Endenergieverbrauch in der Europäischen Union bis 2030 um 38 Prozent sinken; für Deutschland ist eine Reduktion um 22 Prozent vorgesehen. Kritiker bezweifeln jedoch, dass diese Ziele ohne Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum erreichbar sind.

Executive Summary 26/06

Berlin, 22. Juni 2026Klimaneutralität bis 2045 bleibt das erklärte politische Ziel Deutschlands. Gleichzeitig mehren sich die Zweifel, ob dieses Ziel unter den derzeitigen Rahmenbedingungen tatsächlich erreichbar ist. Ein zentraler Baustein auf diesem Weg ist die Steigerung der Energieeffizienz. Nach den aktuellen Vorgaben soll der Endenergieverbrauch in der Europäischen Union bis 2030 um 38 Prozent sinken; für Deutschland ist eine Reduktion um 22 Prozent vorgesehen.

Kritiker bezweifeln jedoch, dass diese Ziele ohne Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum erreichbar sind. So verweist Prof. Dr. Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln, darauf, dass das Energieeffizienzgesetz eine jährliche Senkung des Energieverbrauchs um 2,2 Prozent verlangt. Gleichzeitig geht die Bundesregierung von einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung der Endenergieproduktivität – also der wirtschaftlichen Leistung pro eingesetzter Energieeinheit – um 2,1 Prozent aus. In der Kombination entspreche dies faktisch einem Szenario ohne nennenswertes Wirtschaftswachstum.

Ob diese Einschätzung zutrifft, wurde im Rahmen des „Energiediskurses 2026 in der Villa Gary“ kontrovers diskutiert.

Energieeffizienz: Wachstumshindernis oder Wachstumsmotor?

Erik Pfeifer, Referatsleiter Betrieblicher Umweltschutz bei der DIHK, stellte zu Beginn klar, dass Energieeffizienz grundsätzlich kein Wachstumskiller sei. Im Gegenteil: Eine höhere Produktivität bei geringerem Ressourceneinsatz sei stets erstrebenswert. Kritisch bewertete er jedoch die überarbeitete Energieeffizienzrichtlinie der EU. Diese Ziele nicht allein auf mehr Effizienz, sondern ausdrücklich auf eine Verringerung des End- und Primärenergieverbrauchs. Dieses Ziel werde außerdem ohne Berücksichtigung der Energieproduktivität festgeschrieben. Dadurch bestehe die Gefahr, wirtschaftliche Entwicklungspotenziale einzuschränken.

Verstärkt werde dieser Effekt durch die deutschen Vorgaben, die über das EU-Ziel hinausschießen (‚Goldplating‘). Deutschland hat sich verpflichtet, den Endenergieverbrauch bis 2030 gegenüber 2008, um mindestens 26,5 Prozent auf 1.867 TWh zu senken. Aus Sicht der DIHK könne dies das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts erheblich begrenzen.

Pfeifer forderte daher, die nationalen Ziele auf das europäische Niveau zurückzuführen – entsprechend der Vereinbarung im Koalitionsvertrag. Dort heißt es:

„Das Energieeffizienzgesetz und das Energiedienstleistungsgesetz werden novelliert und vereinfacht und auf EU-Recht zurückgeführt. Energieeffizienzziele dürfen die Flexibilität des Stromverbrauchs nicht behindern.“

Prof. Dr. Frank Höpner, Mitglied der Geschäftsleitung der ENGIE Deutschland AG, ging das Thema Energieeffizienz aus einer anderen Perspektive an. ENGIE habe sich zum Ziel gesetzt, den Übergang zur Klimaneutralität für Wirtschaft und Gesellschaft aktiv zu beschleunigen. Die erheblichen Effizienzsteigerungen der vergangenen Jahrzehnte seien eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte und belegten, dass sich Wirtschaftswachstum zunehmend vom Energieverbrauch entkoppeln könne. Prof. Höpner gab eine Übersicht über den Stand der Regulierung. Er betonte, dass es in Europa gelungen sei, Wirtschaftswachstum zu entkoppeln.

Anhand zweier großer Rechenzentrumsprojekte, bei denen ENGIE als Contracting-Partner eingebunden ist, zeigte Prof. Höpner auf, dass Energieeffizienz und Wachstum keineswegs Gegensätze sein müssen. So müssten Rechenzentren kein Effizienzproblem sein, sondern sie könnten bei richtiger Einbindung insbesondere der Wärmeerzeugung ein Enabler der Energiewende werden. Aus seiner Sicht ist Energieeffizienz nicht Wachstumsbremse, sondern Wachstumsmotor. Ein politisches Zick-Zack bremse jedoch die Energiewende. Es bedürfe einer professionellen Umsetzung von Energieeffizienz im Contracting.

Diskussion: Welche Rolle soll die Politik spielen?

Im Mittelpunkt der anschließenden Diskussion standen zwei zentrale Fragen:

  1. Mit welchen Instrumenten sollte die Politik mehr Energieeffizienz fördern – durch Appelle an verantwortungsbewusstes Handeln, durch gesetzliche Vorgaben oder durch ökonomische Anreize?
  2. Ab welchem Punkt entwickeln sich Effizienzvorgaben von einem Innovationsmotor zu einem Hemmnis für wirtschaftliche Entwicklung?

Zur ersten Frage bestand weitgehend Einigkeit, dass marktwirtschaftliche Mechanismen die zentrale Rolle spielen sollten. Allerdings gelten Klimaziele nur für Deutschland als Ganzes. Für einzelne Unternehmen existieren keine direkten Minderungsverpflichtungen. Solche seien auch kaum praktikabel. Kritisch bewertet wurde jedoch der erhebliche bürokratische Aufwand für die Erfassung, Dokumentation und Berichterstattung von Energieverbräuchen und Effizienzmaßnahmen. Die damit verbundenen Kosten wurden auf rund eine Milliarde Euro geschätzt.

Die zweite Frage berührte zahlreiche praktische Herausforderungen. Genannt wurden unter anderem fehlende Verteilnetzkapazitäten bei geplanten Elektrifizierungsprojekten sowie die Frage, wie zusätzliche Einsparanstrengungen zu bewerten sind, wenn gleichzeitig zeitweise ein Überangebot an erneuerbar erzeugtem Strom im Netz besteht. Bemängelt wurde, dass die Gesetzgebung zu viel ‚top – down‘ festlege, statt im konkreten Einzelfall kreative Lösungen zu befördern.

Fazit des Nachmittags

Ein wesentliches Ergebnis der Diskussion war die Forderung nach einer klareren Unterscheidung zwischen Energieeffizienz und Energieeinsparung. Effizienz bedeutet, pro verbrauchter Energieeinheit mehr Wertschöpfung zu erzielen; Einsparung hingegen zielt auf eine absolute Reduktion des Energieverbrauchs. Letzteres könne schädlich sein.

Mehrere Teilnehmer plädierten dafür, die europäischen Vorgaben in Deutschland möglichst unverändert umzusetzen und auf zusätzliche nationale Verschärfungen (‚Goldplating‘) zu verzichten. Ebenso wurde die Auffassung vertreten, dass starre Obergrenzen für den Energieverbrauch unabhängig von der Herkunft der Energie – ob erneuerbar oder fossil, ob Strom oder Wärme – kritisch hinterfragt werden sollten.


Wir danken den Referierenden Erik Pfeifer und Prof. Dr. Frank Höpner herzlich für ihre fundierten Beiträge sowie allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die engagierte und differenzierte Diskussion.

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