Energiediskurs 2026 in der Villa Gary:
Braucht Deutschland eine Energiepreisbremse und wie sollte sie gegebenenfalls ausgestaltet sein?“
Berlin, 1. Juni 2026 – „Klimaneutralität bis zum Jahr 2045“ bleibt weiterhin das politische Ziel. Inzwischen zeichnet sich jedoch ab, dass diese Vorgabe nur schwer zu erreichen sein dürfte. Die Bundesregierung arbeitet daran, die Einhaltung der gesetzlich festgelegten Minderungsziele sicherzustellen: Treibhausgasneutralität bis 2045 sowie eine Reduktion der Emissionen um 65 Prozent bis 2030 gegenüber dem Stand von 1990.
Gerade in Krisenzeiten konzentriert sich die politische Debatte jedoch vor allem auf kurzfristige Maßnahmen. In der Energiekrise in Folge des Kriegs gegen den Iran wird vor allem über Maßnahmen zur Preisbegrenzung diskutiert – etwa durch Eingriffe in die Bepreisung von Kraftstoffen durch die Mineralölbranche oder die Diskussion um eine Übergewinnsteuer. Aber auch in der übrigen Debatte besteht ein ständiger Konflikt zwischen Energiesparzielen einerseits und den Rufen nach niedrigeren Strom- und Gaspreisen für Industrie und andere Verbraucher. Auch die Unterstellung unlauteren Wettbewerbs durch die Mineralölindustrie entspricht nicht dem politisch gewünschten guten Verhältnis zur chemischen Industrie, zu der auch die Mineralölwirtschaft zählt.
Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen des „Energiediskurses 2026 in der Villa Gary“ darüber diskutiert, wie dieses Dilemma aufgelöst werden könnte.
Prof. Dr. Hubertus Bardt, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, verdeutlichte einleitend anhand verschiedener Parameter die kritische Lage der deutschen Industrie sowie die Belastungen durch steigende Ölpreise und die CO₂-Bepreisung. Die partielle CO2-Bepreisung wirke zulasten der deutschen Industrie wettbewerbsverzerrend. Im Ergebnis sei festzustellen, dass die industrielle Produktion nicht einmal mehr das Niveau von 2019 erreiche. Ob die Volkswirtschaft dennoch die Klimaschutzziele erreichen könne, hänge davon ab, welche Kosten wir bereit seien zu tragen. Bereits jetzt sei jedoch klar, dass die Transformation – anders als häufig behauptet – keine Erfolgsgeschichte sei und dass auch in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre nicht ausreichend günstiger Strom für alle Anwendungen zur Verfügung stehen werde. Gleichzeitig müsse festgestellt werden, dass es global keinen einheitlichen CO₂-Preis geben werde.
Man könne jedoch nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen. Ein konstruktiver Ansatz könnte darin bestehen, Klimaschutzziele zu internationalisieren, sich aber von Maximalvorgaben zu verabschieden und den Umgang mit einem gewissen Maß an Zielverfehlung zu lernen. Die Lösung liege in Wachstum der Volkswirtschaft, das die Kosten tragbar mache und in vermehrten Anstrengungen bei der Innovation.
Prof. Dr. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer von en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der nach eigenen Angaben für rund 40 Prozent der Energieversorgung in Deutschland steht, betonte einleitend die Bedeutung flüssiger Energieträger für Versorgungssicherheit und Resilienz der Volkswirtschaft. Er verwies darauf, dass Moleküle für rund 80 Prozent der Energieversorgung stünden. Auch in Zukunft reichten Elektronen nicht – wir brauchen weiterhin Kohlenwasserstoffe. Moleküle würden schon aus physikalischen Gründen ihre Bedeutung für die Energieversorgung behalten. Diese seien für die Versorgungssicherheit unerlässlich. In diesem Zusammenhang hob er die Bedeutung der Diversifizierung der Energiequellen hervor. So sei die Bedeutung der dezentralen Vorratshaltung durch die Heizöltanks privater Haushalte in den aktuellen Zeiten der Knappheit wieder stärker ins Bewusstsein gerückt sei. Das Ziel „Netto-Null bis 2045“ halte er für unerreichbar.
Mit Blick auf die Vorwürfe von Preisabsprachen, die zur Einleitung kartellrechtlicher Verfahren gegen alle großen Mineralölunternehmen geführt hätten, stellte er fest, dass die Investitionsbereitschaft seiner Mitgliedsunternehmen in die Transformation der Volkswirtschaft im Sinne des Klimaschutzes gegen Null tendiere. Die THG-Minderungsverpflichtung führe im Straßenverkehr zu Mehrkosten von bis zu 1,20 Euro pro Liter Kraftstoff. Es stelle sich die Frage, wie die Politik solche Preissteigerungen infolge zusätzlicher Vorgaben gegenüber der Bevölkerung rechtfertigen wolle.
Prof. Dr. Küchen empfahl, industriepolitisch zu denken und die Energiebesteuerung zu reformieren. Auch könne der Inflation Reduction Act (IRA) der USA als Vorbild dienen. Konkret solle am Aufbau von Wertschöpfungsketten gearbeitet werden. Die Politik müsse zudem den Mut haben, die von ihr verursachten Kosten nicht zu verschleiern, sondern offen zu benennen.
Zusammenfassung der anschließenden Diskussion
Die Frage, inwiefern die politischen Ziele der Klimaneutralität bis 2045 und die Stärkung der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im Widerspruch zueinander stehen, wurde dahingehend beantwortet, dass an der Absolutheit des Ziels nicht festgehalten werden sollte. Die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft müsse berücksichtigt werden, da ohne sie die notwendigen finanziellen Mittel für die erforderlichen Investitionen nicht erwirtschaftet werden könnten. Politik sollte zudem ein gewisses Maß an Revisionsfähigkeit besitzen. Bei einer Politik des ‚mit dem Kopf durch die Wand‘ ziehe der Kopf den Kürzeren.
Inwiefern die aktuelle, knappheitsbedingte Energiepreiskrise auch Chancen biete, wurde unter dem Motto „Superkrise – so viele Chancen“ diskutiert. Chancen bestünden unter anderem darin, dass die Erkenntnis reife, dass strikte Klimaschutzziele nicht vollständig erreichbar seien und stattdessen mehr Flexibilität erforderlich sei. Zudem breche die Krise einige Tabus auf, so z.B. gegenüber Fracking oder Strom- und Wärmeerzeugung mittels Kernenergie. Für die europäische Wirtschaft sei es eine Chance, dass Asien noch mehr vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig sei. Auch führten die hohen Öl- und Gaspreise zu einer Sonderkonjunktur für Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen. Darüber hinaus wurde die Hoffnung geäußert, dass die derzeit schwierige Situation die Bereitschaft zu mehr Risiko, Leistung und Veränderung fördern könne.
Die Frage, wie der ständige Konflikt zwischen Energieeinsparzielen und den Forderungen nach niedrigeren Energiepreisen für Industrie und Verbraucher aufgelöst werden könne, wurde dahingehend beantwortet, dass man zunächst den Widerspruch akzeptieren müsse. Wir würden dabei zu viel in zu kurzer Zeit erreichen wollen und hätten hinsichtlich der Effizienzsteigerungen im Energiebereich unrealistische Erwartungen. Diese seien letztlich durch physikalische Grenzen beschränkt. Der Staat müsse bei der Schaffung bestimmter Infrastrukturen bereit sein, Kosten der ‚First Mover Disadvantage‘ und von Risiken zu sozialisieren. Er müsse sich aber zugleich stärker aus Bereichen zurückzuziehen, in denen hinderliche Quoten- und Detailregelungen Innovationen und Investitionen erschwerten.
Fazit des Nachmittags
Klimaschutz ist notwendig, muss jedoch flexibler und intelligenter gestaltet werden, damit er die wirtschaftliche Entwicklung und das zur Finanzierung notwendige Wirtschaftswachstum nicht behindert. Alle Beteiligten erkennen das Dilemma an zwischen einerseits den starr festgeschriebenen Klimaschutzzielen und andererseits der Notwendigkeit, Wirtschaftswachstum zu ermöglichen und zu fördern. Es sei wichtig, die Klimaschutzziele mit Augenmaß zu verfolgen und dabei nicht die Zustimmung der Bevölkerung zu verlieren und die Wirtschaft zu ruinieren, die die Kosten für den Klimaschutz finanzieren soll.
Wir danken den Referierenden des Workshops, Prof. Dr. Hubertus Bardt und Prof. Dr. Christian Küchen, herzlich für ihre Beiträge sowie für die engagierte und differenzierte Diskussion.

